In einer Ecke des Soldatenfriedhofs im Innsbrucker Stadtteil Amras stehen Reihen von Grabstelen mit rotem Fes im Schnee. Viele Besucher halten sie für Gräber osmanischer Soldaten. Die Wahrheit ist etwas anders – und doch führt die Geschichte zu den Osmanen zurück.

Tirols größter Soldatenfriedhof

Der Soldatenfriedhof Amras wurde 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, angelegt und nach 1945 erweitert. Er ist die größte Kriegsgräberanlage Tirols; über 5.600 Soldaten aus vielen Nationen liegen hier begraben. Die Gräber sind nach Herkunft gegliedert: Tiroler, italienische, sowjetische und muslimische Soldaten ruhen jeweils in eigenen Feldern.

Wessen Gräber sind das?

Im muslimischen Grabfeld im Nordwesten des Friedhofs liegen Soldaten der bosnisch-herzegowinischen Regimenter der k.u.k. Armee. Die Stelen sind nach Osten, Richtung Mekka, ausgerichtet und tragen jeweils einen roten Fes. Kleine Tafeln nennen Grabnummer, Dienstgrad, Namen und Todestag. Auf zwei benachbarten Stelen steht:

  • A 205 · Jgr · Salich Pomić · † 25.6.1918
  • A 206 · Inf · Adam Agić · † 27.6.1918

„Inf“ steht für Infanterist, „Jgr“ für Jäger – Abkürzungen der k.u.k. Armee. Es handelt sich also nicht um ein symbolisches Denkmal, sondern um echte Einzelgräber.

Wo ist das osmanische Erbe?

Bosnien stand von 1463 bis 1878 über vier Jahrhunderte unter osmanischer Herrschaft. In dieser Zeit wurde ein großer Teil der Bevölkerung muslimisch, und es entstanden Moscheen, Basare und Brücken (siehe Sarajevo und Mostar). 1878 kam das Gebiet unter österreichisch-ungarische Verwaltung, 1908 wurde es förmlich annektiert. So dienten bosnische Muslime in der Habsburgerarmee, und zu ihrer Uniform gehörte der Fes – ein Erbe der osmanischen Zeit. Deshalb tragen die Stelen rote Fese.

Die Todestage auf den lesbaren Tafeln fallen in das Ende des Juni 1918, unmittelbar nach der Schlacht am Piave (15.–23. Juni 1918), der letzten großen Offensive Österreich-Ungarns an der Italienfront. Wahrscheinlich wurden diese Soldaten an der Front verwundet und starben in Innsbrucker Lazaretten; für jedes einzelne Grab wissen wir das jedoch nicht sicher.

Ein Besucher hat neben einem der Gräber ein gerahmtes Bild mit den neunundneunzig Namen Gottes hinterlassen. Mehr als ein Jahrhundert später sind diese Soldaten nicht vergessen.

Was man heute sieht

  • Das muslimische Grabfeld: nach Osten ausgerichtete Stelen mit rotem Fes und Namenstafeln.
  • Die übrigen Felder: Gräber und Denkmäler von Soldaten vieler Nationen, Spuren beider Weltkriege in Tirol.
  • Schloss Ambras: das Renaissanceschloss im selben Stadtteil. In den Sammlungen Erzherzog Ferdinands II. sollen sich Waffen und Objekte aus den Türkenkriegen befinden; prüfen Sie vor dem Besuch, welche davon ausgestellt sind.

Tipps für den Besuch

Der Friedhof liegt im Stadtteil Amras und ist vom Zentrum aus gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Für das muslimische Grabfeld genügt eine halbe Stunde; zusammen mit Schloss Ambras ergibt sich ein schöner Halbtagesausflug. Dies ist ein Friedhof: Bitte verhalten Sie sich ruhig, betreten Sie keine Gräber und fotografieren Sie respektvoll. Prüfen Sie vor dem Besuch die aktuellen Öffnungszeiten.

Die bekanntesten osmanischen Spuren in Österreich finden Sie auf der Seite Wien.